Seit letztem Herbst habe ich wieder ein GA – freie Fahrt im öffentlichen Verkehr. Die Züge sind getaktet, und zumindest die Schweiz lässt sich damit wunderbar entdecken. Von Bern fährt mein Zug los: mal nach Aarau, nach Zürich, nach Luzern oder in die schöne Ostschweiz.

Das Gewusel am Bahnhof ist super anstrengend: ein Baustellen-Durcheinander, der Geruch meist eine Mischung aus Liegengebliebenem, Staub vom Umbau und den Zügen, dazu die Lautsprecherdurchsagen. Dazwischen sind ganz viele Menschen unterwegs. Ob sie zur Arbeit fahren oder in die Berge? Ob sie glücklich sind oder gerade den grössten Herzschmerz haben? Ich weiss es nicht, ich kenne sie nicht. Nur selten komme ich mit jemandem ins Gespräch. Oft bleibt es flüchtig, echte Begegnungen und tiefe Gespräche bleiben aus.

Auch in der Emmausgeschichte beginnt alles mit einem Weg und der Begegnung mit einem vermeintlich Unbekannten. Die beiden Jünger sind nach Jesus Tod in Jerusalem traurig, hoffnungslos, wütend und auf ihrem Weg nach Emmaus. Und sie merken nicht, dass Jesus mit ihnen unterwegs ist. Sie merken es nicht einmal, als er sie ziemlich direkt anspricht und sagt: „Oh, ihr seid ja unverständig und zu schwer von Begriff, um darauf zu vertrauen, was die Prophetinnen und Propheten gesagt haben!“ (Lk 24,25 BigS). Trotz des hitzig-theologischen Gesprächs laden die Jünger Jesus zum Essen ein. Und da passiert’s: Plötzlich geht ihnen auf, wer mit ihnen am Tisch sitzt. Beim Dankgebet und beim Brechen des Brotes merken sie, das ist nicht irgendein Unbekannter. Das ist Jesus – und er lebt.

Am Osterwochenende steige ich in den Zug nach Luzern. Ein feines Abendessen wartet auf mich. Die Gedanken aus der Emmausgeschichte begleiten mich: wir sehen Menschen, aber wer sie wirklich sind, was sie mitbringen, was sie im Moment zu tragen haben, das bleibt oft verborgen.

Beim Essen treffe ich meine Familie. Wir feiern den Geburtstag meiner Mama, ein schöner Abend. Auch wir sitzen zusammen am Tisch, auch wir brechen das Brot. Wir lachen, erzählen, hören einander zu. Wenn Menschen miteinander essen, passiert oft mehr als Sattwerden. Vielleicht liegt genau darin auch eine wichtige Pointe der Emmausgeschichte. Denn Jesus wird nicht beim Gehen erkannt, nicht im hitzigen theologischen Gespräch, sondern dort, wo sie miteinander am Tisch sitzen, essen, danken und miteinander teilen. Da erkennen die Jünger Jesus, können wieder hoffen, gestärkt weitergehen und vertrauen.

Alle Menschen werden wir nie treffen können, und nicht jede Begegnung muss vertieft werden. Gewisse Lebensgeschichten bleiben uns also immer verborgen. Aber vielleicht beginnt manchmal ganz unspektakulär etwas zwischen Luzern und Bern, Zürich und Genf, Brig und Domodossola. Ob beim Znünibrot teilen oder beim Schoggistängeli geniessen – wir erfahren vielleicht etwas von unserem Gegenüber. Und falls du auch unterwegs ein Tischgebet brauchen kannst:

Für Spiis und Trank, fürs täglich Brot
wir danken dir, oh Gott.

von Isabelle Schreier, Fachstelle Jugend & junge Erwachsene

(Foto von Armelle Danjour auf Unsplash)