Taizé und die Suche nach einem Boden, der trägt
Blogbeitrag von Isabelle Schreier
Vorsichtig betrete ich den Vorraum zur Kirche. Das Licht ist gedämmt, die Stimmen werden leiser. Rasch nehme ich vom Stapel die Lied- und Gebetsblätter für das Morgengebet, ein Liederbüchlein darf auch nicht fehlen. Eine weitere Tür führt mich in den Kirchenraum.
Es ist ruhig, weder hell noch dunkel. Es riecht nach Taizé, denke ich, und suche mir zwischen den Menschen, die am Boden sitzen, ein freies Plätzchen.
Ich ziehe meine Schuhe aus. Meine Zehen fühlen den Boden – einen Boden, der schon viele Sorgen, Freuden, Tränen, Dankbarkeit und unzählige Gebete getragen hat. Ich stelle meinen Meditations- und Gebetshocker ab und versuche, darauf eine bequeme Position zu finden.
Der Raum ist eine Mischung aus Bewegung und Statik: Die einen sind schon tief in sich gekehrt an ihrem Ort, die anderen noch auf der Suche nach einem Platz für das Gebet. Meine Gedanken sind ein Durcheinander. Habe ich die Zimmertür abgeschlossen? Ist mein Handy lautlos? Rasch zücke ich es aus der Tasche, um es zu kontrollieren – da beginnt das Gebet.
Je mehr wir eintauchen in eine Symbiose aus Stille, Gebet, Lesung und Gesang, desto mehr kann ich loslassen: Alltägliches, Banales, den Streit von letzter Woche.
Mein Gesang ist holprig, ich kenne nicht alle Lieder. Aber es scheint, mein ganzer Leib schwingt mit, ob ich die Worte kenne oder nicht.
Ruhe kehrt ein – nicht im Außen, in mir selbst. Ich fühle mich getragen. Sanft, leise, zerbrechlich und doch: getragen. Ist es dieser Boden, auf dem vor mir schon so viele Menschen knieten? Ist es dieser Boden, den es nicht ohne Grund gibt?
Die Erfahrung, in die Gemeinschaft der Communauté du Taizé einzutauchen, erlebe ich immer wieder als intensiv, verbindend und befreiend. Und jedes Mal nehme ich ein Stück Taizé mit nach Hause: ein Liederbüchlein, einen Hocker, eine Erinnerungskarte, Tee – und vor allem dieses Gefühl: Taizé wird von einem guten Boden getragen. Aber ist Taizé auf anderem Grund nicht auch möglich?
In der Schweiz gibt es, je nach Region, eine starke Taizé-Tradition: von klassischen Formen bis hin zu Neuinterpretationen. Gemeinsam sind die Lieder, die fast mantraartig wiederholt werden, die tragende Stille und das Gebet – gemeinsam oder still.
„Für Gottesdienst braucht es fast kein gesprochenes Wort.“ – Marcella Criscione
Damit spricht sie etwas aus, was auch ich fühle: Taizé, das ist ein Gottesdienst, der nicht verkopft ist, der keine lange Predigt und keine vielen liturgischen Anweisungen braucht. Kein Frontalunterricht, keine Unterweisung. Sondern etwas, das ich spüre. Etwas, mit dem mein ganzer Leib betet, singt, feiert, dankt und manchmal auch unglaublich traurig sein darf.
Auf einem Boden, der trägt. Auf besonderem Boden.
Wie in der Geschichte von Mose und dem brennenden Dornbusch (Ex 3). Gott weist Mose an, seine Schuhe auszuziehen, denn der Ort, auf dem er steht, ist heiliger Boden. Vielleicht heilig, weil er dem menschlichen Machtbereich entzogen ist? Ein Boden, der Gott gehört. Ein Ort, an dem alle, die ihn betreten, gleich und doch verschieden sind: gleich an Würde, geliebte Kinder Gottes – und doch so bunt und unterschiedlich, mit allem, was wir mitbringen: klein oder groß, klug, laut, introvertiert, dunkelhaarig, blauäugig, einfühlsam, von hier oder von dort.
Wir holen Taizé und diesen besonderen „Boden“ nach Baden – einen Tag lang, wie in Taizé.
Und vielleicht geschieht genau dort das Entscheidende:
Dass wir merken, der heilige Boden ist kein Ort in Frankreich. Er entsteht dort, wo wir zusammenkommen können, wie wir sind. Wo Menschen Raum finden – für Stille und Gebet, für Gesang, für Zweifel und Glauben, für das, was sie mitbringen. Wo wir einander mit Wertschätzung begegnen und Gemeinschaft wachsen darf.
Wo wir die Schuhe ausziehen – im wörtlichen oder übertragenen Sinn – und uns berühren lassen.
Ein Boden, der nichts verlangt und nichts bewertet.
Der einfach trägt.
Wir holen Taizé und diesen besonderen „Boden“ nach Baden – „ein Tag, wie in Taizé“ am Pfingstwochenende vom 24. & 25. Mai 2026. Alle Informationen und Anmeldemöglichkeiten unter disputnation.ch/taize oder unter taize.ch

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